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Health Technology Assessment (HTA)
Ein Instrument fällt keine Entscheidungen!

Das Geld ist knapp, auch und gerade im Gesundheitssystem. Reflexartig den Sparstift
anzusetzen, ohne das große Ganze zu sehen, ist aber sicherlich nicht des Rätsels Lösung, gerade auch, wenn es darum geht, dass eine alternde Gesellschaft in Zukunft sicherlich eher mehr als weniger medizinischer Hilfe bedarf. Eines der Instrumente zur Evaluierung des Bedarfs an medizinischen Leistungen, wie etwa Medikamenten, stellt HTA dar. Objektiv gesehen bietet es Entscheidungshilfen, was Versorgung, Innovationskraft, soziales und ökonomisches Potenzial von Heilmitteln betrifft. Im Rahmen einer Veranstaltung des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI) und des Europäischen Forums Alpbach (EFA) wurden am Mittwoch in Wien Chancen und Risken dieses gesundheitspolitischen Instruments diskutiert.

Wien (OTS). „Die unterschiedlichen Erstattungssysteme für Arzneimittel in Europa verfügen über eine
Gemeinsamkeit: das knappe Budget“, hielt die Bundesministerin für Gesundheit, Jugend und Familie,
Dr. med Andrea Kdolsky eingangs ihres Referats im Rahmen der Veranstaltung „Health Technology
Assessment: Entscheidet HTA über die Medikamente der Zukunft?“ fest. „Das bedeutet, nicht alle
Medikamente, die auf dem Markt zugelassen werden, werden auch von den Krankenkassen erstattet“,
umriss die Gesundheitsministerin das Problem, vor dem nicht nur die europäischen
Gesundheitssysteme stehen, sondern mit dem auch PatientInnen und nicht zuletzt die
Pharmaunternehmen zu kämpfen haben.

Fragwürdige Regelungen
In Österreich bedeutet die Nichterstattung eines neuen, innovativen Medikaments, wie in anderen
Ländern auch, in erster Linie Nachteile für jene, für die das Arzneimittel gedacht ist, die PatientInnen.
Was die Angelegenheit noch komplizierter macht, sind die völlig unterschiedlichen Regelungen in
verschiedenen Ländern. Das gilt nicht nur zwischen der EU und den USA, das gilt sogar innerhalb der
EU. Es ist gar nicht gesagt, dass ein Medikament, das in Deutschland von den Krankenkassen
erstattet wird, auch in Österreich bezahlt wird. Ein Bewertungsinstrument wie Health Technology
Assessment könnte zu einer Vereinheitlichung der Regeln zur Rückerstattung von Heilmitteln in der
gesamten EU beitragen. Im Idealfall soll HTA nämlich die Wirksamkeit (efficacy), die Wirksamkeit
unter Alltagsbedingungen (effectiveness), die Sicherheit (safety) und die ökonomischen Aspekte (cost-effectiveness)
sowie den sozialen, ethischen und legalen Rahmen eines Heilmittels prüfen.1 .
Als multidisziplinären Prozess bezeichnete Dr. Andrea Rappagliosi vom Economic and Social Policy
Committee in Genf HTA im Idealfall und meinte: „HTA fasst Informationen über medizinische, soziale,
ökonomische und ethische Aspekte eines Heilmittels auf systematische, transparente und
unvoreingenommene Weise zusammen.“ Im Mittelpunkt der Bewertung stehe dabei der Wert (value)
eines Heilmittels, ein Begriff, der wesentlich mehr als nur den ökonomischen Wert eines Arzneimittels
meint: „Value bedeutet vielmehr den Wert eines Medikaments aus sozialer, ethischer und
ökonomischer Sicht“, wollte Rappagliosi festgehalten wissen.

Nicht auf die Kosten beschränken
Das sieht auch der deutsche Gesundheitsökonom Christoph Vauth von der Universität Hannover so:
„HTA kann eine Hilfestellung für Entscheidungsträger sein.“ Soweit die Theorie. In der Praxis etabliert
sich HTA häufig nahezu ausschließlich als Instrument zur ökonomischen Bewertung von
Arzneimitteln. Soziale und ethische Aspekte, aber auch die Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen
werden viel zu häufig außer acht gelassen. So kann etwa schon die orale Applikationsform eines
Medikaments gegenüber einer subkutanen Injektion wesentliche Alltagserleichterungen für
PatientInnen bringen – in eine HTA-Bewertung fließen diese Überlegungen kaum ein.
Das liegt allerdings auch daran, dass vielfach zum Zeitpunkt der Zulassung eines Medikaments eine
Bewertung durch Health Technology Assessment aufgrund der Datenlage schwierig ist. Zu diesem
Zeitpunkt liegen häufig nur Daten zur Efficacy, also zur Wirksamkeit unter Studienbedingungen, vor.
Viel aussagekräftiger für die Praxis sind dagegen Daten, die die Effectiveness, also die Wirksamkeit
unter Alltagsbedingungen, zeigen. „Derzeit besteht bei jedem Assessment ein Mangel an guten Daten
als Entscheidungsgrundlage“, kritisierte Dr. Marcus Müllner, Bereichsleiter der AGES PharmMed 2 :
„Das „echte Leben“ bleibt vorerst in der Zulassung von Medikamenten weitestgehend ausgespart.“

Als sinnvolles Instrument nutzen
Nicht nur fehlende Daten, sondern auch uneinheitliches Vorgehen in der Prüfung von Medikamenten
verwässern die an sich positiven Effekte von Health Technology Assessment. So arbeiten derzeit laut
Christoph Vauth europaweit 18 HTA-Agenturen an Arzneimittelprüfungen, jede nach ihrem eigenen
Ermessen. An einer Vernetzung dieser Agenturen wird gearbeitet, mit intensiver Unterstützung der
Europäischen Union, der es ein Anliegen ist, „den Output der HTA-Agenturen zu erhöhen und
Doppelgleisigkeiten zu verhindern“, wie Christoph Vauth weiter festhielt.

Innovationen fördern
In Österreich funktioniert die Vernetzung schon ganz gut: Seit 2006 arbeitet ein eigenes Ludwig
Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment an Arzneimittelbewertungen, das innerhalb
eines EU-Projekts mit 59 Non-Profit Organisationen in 27 Ländern zusammenarbeitet: „HTA ist nicht
nur eine Wissenschaftsmethode sondern auch eine Bewegung“, referierte die Leiterin des
österreichischen HTA-Institutes, Dr. Claudia Wild: „Es arbeiten kaum Leute in unserem Bereich, die
nicht zutiefst davon überzeugt sind, dass unser Gesundheitssystem etwas ist, das es zu verteidigen
gilt.“
Health Technology Assessment will, so Claudia Wild, nicht nur Hilfestellung in der Bewertung von
Medikamenten liefern, sondern auch Innovationen fördern. Eine Ansicht, der sich AGES-Bereichsleiter
Dr. Marcus Müllner anschloss, der sich durchaus auch für Kostenkontrolle auf dem Arzneimittelsektor
aussprach: „Nur eine strenge Kostenkontrolle im Gesundheitswesen wird die Entwicklung von wirklich
innovativen Medikamenten fördern“, so Müllner in seinem Statement.

PatientInnen sollen mitentscheiden
Um HTA aber zu einem Instrument zu formen, das nicht nur hilft, die Kosten im Gesundheitssystem
unter Kontrolle zu halten, sondern auch den Nutzen von sowie den Zugang zu innovativen Arzneien
für die betroffenen PatientInnen – auch in der Zukunft – zu ermöglichen, muss vor allem auch deren
Sichtweise in HTA-Bewertungen miteinbezogen werden. Dieser Ansicht ist zumindest Dr. Stefan
Edgeton, Referent für Gesundheit beim Bundesverband der Verbraucherzentralen Deutschlands: „Wir
brauchen mehr Evidenz für die Lebensqualität der PatientInnen“, forderte Edgeton in seinem
Statement und setzte hinzu: „Die Grundlage von Bewertungen durch Health Technology Assessment
müssen auch in Zukunft die evidenzbasierte Medizin, die Sicherstellung eines transparenten
Verfahrens und die Abwägung zwischen Patientennutzen und Wirtschaftlichkeit sein.“

Rückfragen an:
Gabriela Bauer-Szmolek
FOPI
01 26044-180
0664 523 69 37


1) Quelle: www.cochrane.de/de/hta.htm

2) Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH: Die AGES PharmMed ist ein Geschäftsbereich der AGES, der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH. Eingerichtet wurde dieser Bereich, um dem neu errichteten Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen bei der Erfüllung seiner Aufgaben zur Seite zu stehen.


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