- Österreich liegt bei den Arzneimittelausgaben unter dem europäischen Durchschnitt
- Die Entwicklung eines Medikaments dauert bis zu 15 Jahren und kostet rund 1 Mrd. €. Nur jedes 3. Medikament „rechnet“ sich für den Hersteller
- Bei innovativen Medikamenten zu sparen ist kontraproduktiv
Mitunter werden Medikamente alleine für die steigenden Gesundheitsausgaben verantwortlich gemacht. Ein Trugschluss: Natürlich kosten innovative und sichere Arzneimittel Geld. Doch zeigen seriöse Analysen, dass sie das Gesundheitsbudget entlasten können.
Das österreichische Gesundheitssystem muss den internationalen Vergleich keineswegs scheuen – immerhin sind 99 % aller Österreicher sozialversichert. Die Qualität der medizinischen Versorgung gilt im internationalen Vergleich als hervorragend. Weil jedoch die österreichischen Krankenkassen mit einem massiven Defizit zu kämpfen haben (2002 waren es 240 Mio. € ), konzentriert sich derzeit die aktuelle Debatte um das Gesundheitssystem hauptsächlich auf Einsparungen.
Sparen bei Medikamenten ist kontraproduktiv
Häufiger „Sündenbock“ in der Kostendiskussion sind die Pharmaindustrie und die Ausgaben für Medikamente. Nicht bedacht wird dabei, dass innovative Medikamente auch helfen, Kosten einzusparen. Wirkt etwa ein neues, innovatives Medikament effizienter als ein älteres Produkt, so führt dies zu einer schnelleren Gesundung oder Stabilisierung des Patienten. Operationen und Krankenhausaufenthalte können teilweise vermieden oder verkürzt werden, Krankenstände reduzieren sich. Weist ein innovatives Arzneimittel deutlich weniger Nebenwirkungen auf als ein herkömmliches, verbessert dies nicht zuletzt auch die Lebensqualität der Patienten. Neue, innovative und auf den ersten Blick „teure“ Medikamente helfen also, Geld zu sparen.
Strukturreformen statt Einzelmaßnahmen
Bei Reformschritten, die auf Kostendämpfungseffekte abzielen, sollte berücksichtigt werden, dass die Ausgaben für medikamentöse Therapien nur 13,2 % der österreichischen Gesamtge-sundheitsausgaben ausmachen. Anzusetzen ist daher bei jenen Bereichen, die die größten Anteile am Budget ausmachen, also etwa dem stationären Bereich. Mit 58 % fließt der größte Teil des österreichischen Gesundheitsbudgets in die Finanzierung der Krankenhäuser, die Ausgaben für medikamentöse Therapien hingegen machen nur 13,2 % der österreichischen Gesamt-gesundheitsausgaben aus. Schon aufgrund dieser Kostenstruktur kann jede Sparmaßnahme im Medikamentenbereich nur auf einen geringen Teil der Gesamtkosten abzielen.
Österreich bei Arzneimittelausgaben unter dem europäischen Durchschnitt
In Irland wird ein ähnlich hoher Pro-Kopf-Betrag wie in Österreich mit 137 € ausgegeben, weit mehr wendet man mit 234 € in Deutschland oder mit 217 € in den Niederlanden auf. Dabei fällt auf, dass das jeweilige durchschnittliche Arzneimittelpreisniveau wenig Einfluss auf die Pro-Kopf-Ausgaben hat und dass Niedrigpreisländer meist einen höheren Arzneimittelverbrauch haben. Am deutlichsten zeigt sich das am Beispiel Frankreichs, das zwar europaweit relativ niedrige Arzneimittelpreise hat, jedoch mit 314 € die absolut höchsten Ausgaben pro Kopf aufweist.
Gesundheit kostet Geld
Natürlich kostet die Entwicklung neuer Medikamente Geld – innovative Medikamente sind aber infolge ihrer verbesserten Wirksamkeit auch der Garant dafür, dass Kosten eingespart werden. Die pharmazeutische Industrie hat allein 2001 mehr als 30 Mrd. € in die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente investiert. Dies entspricht einer Investitionsquote von 15 % des Umsatzes. Die als besonders innovativ geltende Telekommunikationsbranche gibt im Vergleich dazu nur rund 3 - 5 % ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus.
Die Entwicklung eines neuen Medikamentes dauert im Schnitt 10 - 15 Jahre und kostet pro Medikament rund 1 Mrd. €. Dieser Zeitraum wird nicht zuletzt von den immer zahlreicher werdenden Testverfahren bestimmt. Von etwa 5.000 getesteten Medikamenten kommen nur 5 in das Stadium der klinischen Erprobung am Menschen. Letztlich wird von diesen 5 Substanzen nur eine als Medikament zugelassen. Die enormen Forschungskosten, die von den einzelnen Unternehmen aufgebracht werden müssen, sollen dann bis zum Ablauf der Patentschutzzeit innerhalb von 8 - 10 Jahren wieder hereingespielt werden. Dies gelingt allerdings nur bei jedem 3. Medikament.
Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung wurden trotz der steigenden Kosten in den vergangenen Jahren konstant erhöht: Zwischen 1980 und 1998 sind die Forschungsausgaben um das 6-fache gestiegen. Ihr durchschnittliches jährliches Wachstum lag in den 80-er Jahren bei etwa 12 %, in den 90-er Jahren gingen sie jedoch auf durchschnittlich 3 % pro Jahr zurück.
Europa-weiter Trend
Auch wenn sich die Kosten für Arzneimittel in Österreich in den vergangenen 10 Jahren in absoluten Zahlen verdoppelt haben, entspricht das durchaus dem europäischen Trend . Der Anteil der Medikamentenkosten im Vergleich zum Volkseinkommen blieb dabei allerdings nahezu gleich.
Die Erhöhung der reinen Ausgaben für Medikamentenkosten erklärt sich einerseits durch die Einführung vieler neuer innovativer Medikamente, anderseits durch die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung. Die Tatsache, dass der Anteil der über 65-Jährigen in den Industrieländern massiv ansteigt, hat zwei volkswirtschaftliche Konsequenzen: Zum einen brauchen immer mehr Menschen medizinische Betreuung, insbesondere im Bereich chronischer Erkrankungen. Zum anderen stehen immer weniger Menschen im Berufsleben, wodurch auch geringere Sozialver-sicherungsbeiträge eingezahlt werden.
So wurden beispielsweise innerhalb des Jahres 2000 56,7 % aller Verschreibungen der niedergelassenen Ärzte Österreichs bei Patienten registriert, die älter als 60 Jahre waren. Es zeigte sich, dass im niedergelassenen Bereich allein bei dieser Patientenaltersgruppe 53,9 Mio. Arzneimittel verordnet wurden. Momentan sind in Österreich rund 20,7 % der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Bereits 2025 werden es europaweit doppelt so viele sein.
Intensive Tests bringen hohe Sicherheit
Jeder Wirkstoff muss, bevor es die Zulassung als Medikament erhält, jahrelang intensiv getestet werden. Im Durchschnitt dauert es von der Entwicklung bis zur Zulassung eines neuen Medikamentes rund 10 - 15 Jahre. Einer der entscheidenden Gründe dafür ist die steigende Anzahl und Komplexität der erforderlichen klinischen Tests.
Die 1964 verabschiedete und 2000 erweiterte Deklaration von Helsinki bildet heute weltweit die Grundlage für die Erprobung neuer Medikamente. Drei Phasen muss demnach ein Medikament durchlaufen, bevor es zugelassen wird. Ziel dieser Phasen ist es, Wirksamkeit und Sicherheit unter möglichst realistischen klinischen Alltagsbedingungen zu untersuchen. Diese Testphasen dauern Jahre, hohe Beträge müssen investiert werden. Die intensive Erprobung garantiert freilich, dass in Europa zugelassene Medikamente über eine sehr hohe Sicherheit und nachgewiesene therapeutische Wirkung verfügen. Patienten können sich also darauf verlassen, wirksame und sichere Medikamente einzunehmen.
MedKost 070803 SF/HK/EMK