- Beseitigung von Strukturdefiziten statt rigidem Sparkurs
- Gesamtgesundheitsbudget für die Bereiche Krankenhäuser, ärztliche Leistungen und Arzneimittel
- Innovative Medikamente tragen zur Kostensenkung bei
Tiefgreifende Strukturreformen und gesundheitsökonomische Aspekte statt eindimensionaler Spardebatte: Das ist der Weg, um allen Österreicherinnen und Österreichern auch in Zukunft eine gute und flächendeckende medizinische Versorgung zu garantieren.
Das österreichische Gesundheitssystem braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen: Es gewährleistet eine gute, flächendeckende Versorgung für alle, hohe Standards in Diagnose und Therapie und kann auf eine hervorragende medizinische und wissenschaftliche Erfahrung zurückgreifen. Von 47 Industrienationen belegt Österreich hinsichtlich der medizinischen Infrastruktur die Spitzenposition, was sich auch in einem ebenfalls ersten Platz bei der Lebensqualität niederschlägt. 99 % aller Österreicher sind durch die soziale Krankenversicherung geschützt und pro Kopf werden dafür etwa 60 € im Monat gezahlt. In Bezug auf die Gesamtausgaben im Gesundheitswesen liegen zum Teil widersprüchliche Daten vor. Bis vor kurzem wurde basierend auf den Daten der OECD allgemein davon ausgegangen, dass Österreich mit Gesundheitsausgaben in der Höhe von 8,2 % des Bruttoinlandsproduktes unter dem europäischen Durchschnitt von 8,7 % und weit unter den Werten von Deutschland oder der Schweiz liegt. Aktuelle Berechnungen zeigen aber, dass das Ausmaß der Gesundheitskosten um ca. 35 % unterschätzt wird – berücksichtigt man in den Berechnungen insbesondere die Abgangsdeckung der Krankenanstalten als Gesundheitsausgaben, mit der Begründung, dass diese als fixer Bestandteil des Finanzierungssystems durch die öffentliche Hand abgedeckt werden. Mit 10,9 % ergibt sich aus den neuen Daten für Österreich ein deutlich höherer Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP. Unklar ist, welche Stellung sich für Österreich im EU-Vergleich ergeben würde, wenn die Berechnungsmethode in analoger Weise für alle EU-Länder zur Anwendung käme.
Weil die österreichischen Krankenkassen mit einem massiven Defizit zu kämpfen haben – 151 Mio. € im Jahr 2001 –, konzentriert sich derzeit die aktuelle Debatte um das Gesundheitssystem hauptsächlich auf dortige Einsparungen.
Die zentralen Hürden bei der Überwindung dieses Defizits stellen die fehlende Einbindung der Patienten in viele Entscheidungsprozesse, vor allem aber die zersplitterten Kompetenzen und Zahlungsverantwortungen sowie die fehlende Transparenz der Kosten des Leistungsangebotes dar. So werden Krankenhäuser aus anderen „Töpfen“ finanziert als beispielsweise die Behandlung beim niedergelassenen Arzt. Ein Strukturdefizit, das unter anderem zu einer wenig realistischen Einschätzung des Gesamtkostengefüges im Gesundheitswesen beiträgt.
Strukturreform statt Sparkurs
Die Diskussion folgt dabei häufig einem zu einfachen Muster: In der Debatte um eine Reform des österreichischen Gesundheitssystems wird recht einseitig nur die Ausgabenseite bedacht, wobei häufig einzelne Ausgabenfaktoren zur Illustration der Gesamtsituation herangezogen werden. Das verzerrt das Bild erheblich, denn nicht selten ergeben höhere Ausgaben in einem Bereich erhebliche, diese nicht selten übersteigende Einsparungen in einem anderen Bereich: In dem Ausmaß etwa, in dem moderne Medikamente Krankheiten heilen oder diesen sogar vorbeugen können, reduzieren sich die Ausgaben im Bereich von Behandlung und Rehabilitation.
Gesundheitsreformen sollen keine ideenlosen Sparpakete sein. Vielmehr geht es um eine Veränderung von Strukturen, damit die gesundheitliche Versorgung den geänderten Anforderungen gerecht werden kann. Ziel sollte eine Ausrichtung der Versorgung der Versicherten an anerkannten internationalen Qualitätsstandards zu zumutbaren Beiträgen sein, bei einer gleichzeitigen Stärkung der Selbstverantwortung der Patienten.
Künftige Reformschritte müssen darauf abzielen, alle Elemente und Sektoren der gesundheitlichen Versorgung zur Sicherstellung und Optimierung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung zusammenzufassen. Es gilt, Transparenz hinsichtlich der Leistungen und Kosten des Gesundheitssystems zu schaffen – was dazu beiträgt, die Finanzierung des Gesundheitswesens zu sichern. Die Budgetierung muss sich in Richtung einer System-Perspektive bewegen: Entscheidungen über Ausgaben müssen die gesundheitsökonomischen Effekte in allen relevanten Sektoren – also Spitälern, Sozialversicherungen und niedergelassenen Ärzte – sowie Gesichtspunkte wie Krankenstände, Rehabilitation oder Frühpensionierungen berücksichtigen.
Der Mensch im Mittelpunkt
Das Recht der Patienten auf eine spezialisierte, umfassende, qualitativ hochwertige Behandlung nach dem aktuellen Stand der Medizin stellt die zentrale Herausforderung für die Entscheidungsträger und Leistungserbringer im Gesundheitswesen dar. Das gemeinsame Ziel aller Akteure muss die Sicherung einer qualitativ hochwertigen Versorgung aller Patienten auf dem jeweils effizientesten Weg und die Eliminierung von Versorgungsdefiziten sein. Die Patienten müssen im Mittelpunkt der Reformbemühungen stehen, an ihren Bedürfnissen hat sich das Gesundheitssystem zu orientieren.
Patienten müssen in die Lage versetzt werden, mehr Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Dies setzt unter anderem einen verbesserten Zugang zu Gesundheitsinformationen voraus, einschließlich einer Deregulierung von Beschränkungen der Arzneimittelinformation für Patienten.
Sparen bei Medikamenten ist kontraproduktiv
Häufiger „Sündenbock“ in der Kostendiskussion sind die Pharmaindustrie und die angeblich zu hohen Kosten für Medikamente. Nicht bedacht wird dabei, dass innovative Medikamente auch dazu beitragen, Kosten einzusparen: Wirkt ein neues, innovatives Medikament effizienter als ein älteres Produkt, so führt dies zu einer schnelleren Gesundung oder Stabilisierung des Patienten. Operationen oder Krankenhausaufenthalte können teilweise vermieden oder verkürzt werden, Krankenstände reduzieren sich. Weist ein innovatives Arzneimittel deutlich weniger Nebenwirkungen auf als ein herkömmliches, so verbessert dies nicht zuletzt auch die Lebensqualität der Patienten.
Die Finanzierung des Gesundheitswesens bleibt immer auch eine politische Entscheidung. Doch sollte in einer Wohlstandsgesellschaft den Menschen eine verfügbare bessere und verträglichere Therapie vorenthalten werden?
In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass Österreich bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel europaweit im Mittelfeld liegt. Italien, Belgien, Frankreich und die USA geben jährlich weit höhere Beträge für Medikamente aus. Bei Reformschritten, die auf Kostendämpfungseffekte abzielen, muss berücksichtigt werden, dass die Ausgaben für medikamentöse Therapien nur 13,2 % der österreichischen Gesamtgesundheitsausgaben ausmachen. Anzusetzen ist daher bei jenen Bereichen, die die Löwenanteile am Budget ausmachen. Mit 58 % fließt der größte Teil des österreichischen Gesundheitsbudgets in die Finanzierung der Krankenhäuser. Schon aufgrund dieser Kostenstruktur kann jede Sparmaßnahme im Medikamentenbereich nur auf einen geringen Teil der Gesamtkosten abzielen.
Hohe Investitionen für bedarfsgerechte Arzneimittel
Die pharmazeutische Industrie produziert bedarfsgerechte Arzneimittel, und die Entwicklung hochwirksamer Medikamente kostet enorme Summen, die von der Pharmaindustrie aufgebracht werden müssen. Eine aktuelle Studie aus den USA zeigt, dass die Entwicklung jedes neuen Medikamentes rund 1 Mrd. € kostet. Derzeit dauert es im Durchschnitt 10 - 15 Jahre, um ein neues Arzneimittel bis zur Marktreife zu entwickeln und die Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA zu erhalten .
Die zu Recht sehr hohen Anforderungen einer maximalen Sicherheit von Arzneimitteln, die vor und nach der Markteinführung ständig überprüft werden muss, haben ihren Preis. Ein neues pharmazeutisches Produkt muss während der ersten 10 Jahre auf dem Markt ein jährliches Verkaufswachstum von rund 10 % verzeichnen, um auch nur 15 % der Investitionen in Forschung und Entwicklung abzudecken.
Diese enormen Forschungskosten, die von den einzelnen Unternehmen aufgebracht werden müssen, sollen dann bis zum Ablauf der Patentschutzzeit innerhalb von 8 - 10 Jahren wieder hereingespielt werden. Dies gelingt allerdings nur bei jedem 3. Medikament. Solche erfolgreichen Produkte müssen daher nicht nur die eigenen Entwicklungskosten abdecken, sondern auch die Forschungsinvestitionen in all jene Präparate, die nie die Marktreife erlangen. Von 5.000 getesteten Substanzen gelangen nur 5 bis zum Stadium der klinischen Erprobung an Menschen, am Ende wird von diesen 5 Substanzen nur eine als neues Medikament zugelassen.
Motor für Forschung und Entwicklung
Die pharmazeutische Industrie ist jener Wirtschaftszweig, der mit Abstand am meisten in Forschung und Entwicklung investiert. Die großen internationalen Arzneimittelkonzerne wenden mehr als doppelt soviel für Forschung und Entwicklung auf wie die Softwareindustrie und sogar 3-mal soviel wie die als besonders innovativ geltende Elektronik- und Telekommunikationsbranche.
Die pharmazeutische Industrie erforscht und entwickelt ständig neue und innovative Medikamente, mit denen Krankheiten, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit zum Tod des jeweiligen Patienten führten, bekämpft werden können. Eines von vielen Beispielen ist etwa die Leukämie: Noch vor 20 Jahren war diese Erkrankung ein Todesurteil. Mit der richtigen Therapie ist diese Erkrankung heute in der Mehrzahl der Fälle heilbar. Pharmaunternehmen spielen daher eine aktive Rolle im Gesundheitswesen und leisten einen wichtigen Beitrag zu Therapie und Prophylaxe, Sicherheit und Kostenreduktion im Gesundheitswesen.
Österreich liegt mit einer Gesamt-Forschungsquote von 1,8 % des BIP, das sind rund 3,63 Mrd. €, weit unter dem OECD-Durchschnitt von knapp 2,5 % oder den Forschungsausgaben vergleichbarer Länder wie Schweden (mehr als 4 %) oder Finnland (3,1 %).
GesRef 070803 SF/HK/EMK