Ihre Verantwortung gegenüber den Patienten, diesen auf möglichst breiter Basis bestmögliche innovative Medikamente zur Verfügung zu stellen, können pharmazeutische Unternehmen nur erfüllen, wenn ihnen die staatlichen Rahmenbedingungen effizientes Wirtschaften erlauben. Das erklärten hochrangige Vertreter der pharmazeutischen Industrie bei den „Ethik und Wirtschaft“-Gesprächen des Forum Alpbach.
Alpbach, 21. August 2002 – „Wer mit Arzneimitteln Geld verdient, gilt vielen Menschen als ausgesprochen verdächtig. Allerdings ändert sich diese ablehnende Haltung meistens sofort, sobald ein Mensch dringend Medikamente benötigt“, brachte Klaus Welzel, Director Business Development and Corporate Strategy Europe beim amerikanischen Pharmakonzern Eli Lilly, bei einer Veranstaltung des Forum Alpbach verbreitete Vorbehalte und Ambivalenzen gegenüber pharmazeutischen Unternehmen auf den Punkt. Tatsächlich jedoch bedingen erfolgreiches Wirtschaften und die breitestmögliche Versorgung von Patienten mit immer besseren Medikamenten einander: „Shareholder Value und Patientennutzen gehen Hand in Hand.“
Die besondere soziale Verantwortung der pharmazeutischen Industrie im Spannungsfeld von Ethik, staatlicher Regulierung, Patientennutzen und Shareholder Value stand heute im Mittelpunkt der Diskussionen einer hochkarätigen Runde von Pharmamanagern bei den Alpbacher „Wirtschaft und Ethik“-Gesprächen.
Sparkurs gefährdet Innovation
Pharmazeutische Innovationen lägen nicht nur im Interesse individuell Betroffener, sondern auch der öffentlichen Hand. Denn verbreiteten Vorurteilen zum Trotz können innovative Medikamente insgesamt zur Kostendämpfung im Gesundheitssystem beitragen. Dies sei bereits durch zahlreiche gesundheitliche Gesamtrechnungen zweifelsfrei belegt. „Innovative Arzneimittel reduzieren die Gesundheitsausgaben um das Vielfache ihrer Kosten“, führte Klaus Welzel aus. „Operationen können oft vermieden und Spitalsaufenthalte reduziert werden, Krankenstände werden seltener, und unerwünschte Nebenwirkungen treten weniger häufig auf.“
Trotz dieser offensichtlichen Vorteile für die Gesundheitssysteme liegt es allerdings weltweit im Trend, die öffentlichen Ausgaben für moderne Arzneimittel immer drastischer zu reduzieren. „Regierungen in vielen Ländern üben verstärkt Druck auf die pharmazeutische Industrie aus, um auf diesem Weg bei den Gesundheitsausgaben einsparen zu können“, sagte Gordon Busenbark, President Global Operations bei Baxter BioScience in Alpbach. „Der Nutzen derartiger Maßnahmen ist allerdings mehr als fragwürdig, denn künstliche Preisbeschränkungen für innovative Arzneimittel gefährden medizinischen Fortschritt und Innovation.“ Wer keine Gewinne mehr mache, könne das Risiko hoher Investitionen in die Forschung nur noch sehr eingeschränkt eingehen. Die F&E-Kosten müssten bis zum Ablauf der effektiven Patentschutzzeit innerhalb von acht bis zehn Jahren wieder hereingespielt werden, was allerdings nur bei jedem dritten Medikament gelingt. Außerdem kommen von 5000 getesteten Substanzen nur fünf bis zum Stadium der klinischen Erprobung beim Menschen, letztlich wird von diesen fünf Substanzen nur eine zugelassen.
Pharmazeutische Unternehmen als kommerzielle Organisationen und häufig Aktiengesellschaften tragen naturgemäß in einem marktwirtschaftlichen System die Verantwortung, mit dem Kapital der Aktionäre besonders sorgfältig umzugehen und die bestmögliche Verzinsung der Investitionen zu erwirtschaften, sagte Welzel. Dies stehe allerdings keinesfalls im Widerspruch zur sozialen und ethischen Verantwortung der Unternehmen: „Wenn Shareholder Value ein Kriterium ist, das die Anleger hoch schätzen, muss das Unternehmen dem Rechnung tragen. Die Berücksichtigung dieses Aspekts vermindert aber in keiner Weise den Patientennutzen.“
Im Gegenteil: Das Erwirtschaften von Gewinnen, so der Pharma-Manager, führe zu einer erhöhten Attraktivität bei den Investoren und trage dazu bei, den enorm hohen Aufwand für Forschung und Entwicklung – die Entwicklung eines Medikaments bis zur Marktreife dauert im Durchschnitt zehn bis zwölf Jahre und kosten eine Milliarde Euro – zu finanzieren. Die Ergebnisse dieser Aktivitäten, also die Entwicklung innovativer therapeutischer Ansätze, kommen direkt den Patienten zugute. Außerdem liege ethisches Verhalten im ureigensten Interesse der Industrie. „Pharmaunternehmen, die ausschließlich nach Gewinn streben und nicht den Patientennutzen in den Vordergrund stellen“, ist Welzel überzeugt, „scheitern langfristig.“
Mehr Wettbewerb, weniger Bürokratie
Es sei auch eine Frage der Ethik, dass medizinische Versorgung auf höchstem Niveau und innovative Medikamente allen Menschen zur Verfügung gestellt würden, die diese benötigen, sagte Busenbark: „Das setzt allerdings voraus, dass es in den Gesundheitsmärkten mehr Transparenz, mehr Wettbewerb und weniger Bürokratie gibt.“
Solche Rahmenbedingungen seien es auch, die ein nutzbringendes Miteinander von innovativen Arzneimitteln und den so genannten Generika – also Medikamenten, die nach Ablauf des Patentschutzes von anderen Produzenten als dem ursprünglichen Entwickler hergestellt werden – erst ermöglichen, sagte in Alpbach Ulrich Sekotill, Geschäftsführer von Hexal Pharma. Da Generika bei Markteintritt um mindestens 30 Prozent günstiger sein müssen als das Erstpräparat, gelten sie als Beitrag zu Einsparungen im Gesundheitsbereich. Dies komme, so Sekotill, aber auch der Innovation zugute: „Innovation folgt Generikum, Generikum folgt Innovation. Die beiden Bereiche sind nur gemeinsam denkbar.“
So habe sich etwa gezeigt, dass in hochentwickelten Arzneimittelmärkten wie Skandinavien, den USA oder Japan, wo der Generika-Anteil bei 30 Prozent liegt, patentgeschützte, innovative Arzneimittel einen Marktanteil von 40 Prozent erreichen. „In Österreich, wo wir einen Generika-Anteil von bloß sechs Prozent haben, liegt auch der Anteil innovativer Medikamente deutlich niedriger, nämlich bei nur 25 Prozent“, kritisierte Sekotill.
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