Strikte Sparvorgaben in Zeiten steigender Lebenserwartung und erhöhter Leistungsfähigkeit der Medizin – und damit steigender Ausgaben – seien unter Qualitäts- und Verteilungsaspekten problematisch. Darauf weist eine hochkarätige Expertenrunde bei einem Symposium in Wien hin. Tiefgreifende Strukturreformen seien zielführender als einseitige Spardebatten.
Wien, 30. Jänner 2003. „Wenn es um das Verdrängen unangenehmer Wahrheiten geht, gibt es kaum ein besseres Anschauungsfeld als das Gesundheitswesen und den modernen Medizinbetrieb“, startet Prof. Dr. Walter Krämer von der Universität Dortmund bei einer Veranstaltung in Wien provokant die Diskussion über Gegenwart und Zukunft des Gesundheitssystems. „Man ignoriert die klarsten Fakten und weigert sich bis heute, gewissen unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen.“
Prof. Krämer ist einer von zahlreichen in- und ausländischen Gesundheitsexperten, die bei einem hochkarätig besetzten Symposium in Wien einen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Finanzierungssituation im Gesundheitswesen leisten. Auf Einladung des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie und des Europäischen Forum Alpbach diskutieren unter anderem deutsche Gesundheitsökonomen, Politiker, Vertreter der Sozialversicherung und Mediziner über die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für das Gesundheitssystem, mit denen eine optimale Versorgung sichergestellt werden kann.
LEISTUNGSEXPLOSION, NICHT KOSTENEXPLOSION
Eine der verbreitetsten Illusionen in der aktuellen Debatte, so Prof. Krämer, sei jene von der so genannten Kostenexplosion bei den Gesundheitsausgaben. „Wir haben es in Wahrheit nicht mit einer Kosten-,
sondern vor allem mit einer Effizienz- und Leistungsexplosion zu tun“, so der deutsche Experte. Nicht die Preise, sondern die Machbarkeit nehme laufend zu. „Die reinen Preise von Gesundheitsgütern steigen langsamer und nicht schneller als andere Preise“, sagt Prof. Krämer. „Insbesondere bei Arzneimitteln sind die reinen Preise in den vergangenen Jahrzehnten fast durchwegs langsamer gestiegen als der allgemeine Preisindex. Manche sind sogar gefallen.“ Die moderne Medizin sei zwangsläufig teurer, weil sie leistungsfähiger sei. Damit würden nicht nur immer mehr Menschen immer älter, sondern auch mehr Menschen könnten mit gefährlichen Krankheiten überleben. Prof. Krämer: „Nehmen Sie Nierenversagen. Wie Sie wissen, haben wir in Deutschland und Österreich mit die höchsten Raten an Nierenkranken in der ganzen Welt, aber doch nicht, weil unsere Medizin so schlecht ist, sondern weil sie so gut ist. Hätten wir nicht die weltweit vorbildlichen Möglichkeiten der künstlichen Blutwäsche für alle, die sie brauchen, gäbe es heute bei uns sehr viele Nierenkranke weniger. In England beispielsweise gibt es kaum 100 Nierenkranke pro eine Million Einwohner, verglichen mit mehr als 300 in der Bundesrepublik, aber nicht, weil in England diese Krankheit seltener auftritt, sondern weil dort kaum ein Nierenkranker seinen sechzigsten Geburtstag überlebt.“
Vor diesem Hintergrund müsse auch mit den verfügbaren Ressourcen sorgfältig gehaushaltet werden. „Wirtschaftlich zu handeln ist im Gesundheitssystem heute ein ethisches Prinzip“, betont Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien. „Wir müssen dafür sorgen, dass das Wissen der Medizin mit der gesamten Bevölkerung geteilt wird.“
MEDIKAMENTE SIND NICHT HAUPT-AUSGABENFAKTOR
Für die Ausgabensteigerungen im Gesundheitswesen wurden in der aktuellen Debatte in Österreich zuletzt häufig insbesondere die Arzneimittelkosten verantwortlich gemacht. Eine genaue Analyse, so die Experten, zeige allerdings ein differenzierteres Bild. „Entgegen der landläufigen Meinung sind nicht die Medikamentenpreise oder die Arzneimittelausgaben an der Entwicklung der Gesundheitsausgaben schuld“, betont Mag. Alexander Mayr, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie. Nur 13,2 Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen werden für Arzneimittel aufgewendet – Österreich liegt damit unter dem Durchschnitt der europäischen Länder. Andere Sektoren sind für einen weitaus höheren Anteil der Ausgaben verantwortlich, etwa der Spitalssektor, der den größten Anteil an den Gesundheitsausgaben ausmacht.
„Angesichts dieser Zahlen ist die immer wieder kehrende Forderung, dass Einsparungsmaßnahmen im Gesundheitswesen vor allem bei den Medikamentenausgaben anzusetzen hätten, wohl nicht ganz gerechtfertigt“, sagt Mag. Mayr. Nicht zuletzt den Forschungserfolgen der Industrie sei es zu verdanken, dass die Lebensqualität in den letzten Jahren deutlich verbessert werden konnte. Die Lebenserwartung ist in allen westlichen Industrienationen stark angestiegen, was aber unter anderem auch steigende Gesundheitsausgaben zur Folge hatte, da ältere Menschen häufiger unter chronischen Krankheiten leiden und viele Gesundheitsleistungen benötigen. „Natürlich verursachen diese Leistungen Kosten“, erklärt Mag. Mayr. „Wenn wir medizinischen Fortschritt wollen, um damit immer mehr kranken Menschen mit immer besseren Arzneimitteln helfen zu können, müssen wir auch bereit sein, dafür zu bezahlen“.
SOLIDARITÄT ALS MAßSTAB
Es bestehe nicht wirklich ein Finanzierungsproblem in modernen Gesellschaften wie Österreich, meint Prof. Kunze: „Es geht eher um die politische Frage, wie und für welche Zwecke die Mittel in einer Gesellschaft verteilt werden“. Solidarität, appelliert der Wiener Sozialmediziner, solle weiterhin der entscheidende Maßstab für die Gesundheitspolitik sein: „Ein so reiches Land kann sich diesen ‚Luxus’ leisten.“
RISIKO RATIONIERUNG?
Schon jetzt allerdings sind nicht alle Optionen auch tatsächlich für alle Patienten verfügbar. Trotz der Existenz und prinzipiellen Verfügbarkeit wirksamer Medikamente etwa wird in Europa nicht jeder Patient angemessen behandelt, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie von Prof. Dr. Oliver Schöffski von der Universität Erlangen-Nürnberg. Grund seien insbesondere die Ausgabenbeschränkungen der staatlichen Gesundheitssysteme, die in Europa insgesamt zu einem Versorgungsmangel führen, so die aktuelle Untersuchung. Allerdings sind Rationierungsmaßnahmen in jedem Fall problematisch.
Prof. Krämer zählt gängige Prinzipien der Rationierung auf, die gesellschafts- und gesundheitspolitisch umstritten sind: „Erstens – wir verteilen wie auf der Titanic die Rettungsboote nur an die erste Klasse. In den USA etwa haben Sie ohne dickes Bankkonto kaum eine Chance auf ein neues Herz. Zweitens – der soziale Wert bestimmt, wer leben darf und wer sterben muss. Das ist die Situation aus den Kindertagen der künstlichen Blutwäsche, als es noch nicht genug Dialysegeräte für alle Nierenerkrankungen gab. Ein arbeitsloser Junggeselle zieht dann gegen einen Familienvater mit acht Kindern klar den kürzeren. Dritte Möglichkeit – keine Herzverpflanzung oder andere teure Therapie für Patienten ab einem bestimmten Lebensalter, wie heute schon in zivilisierten Ländern wie Großbritannien oder Schweden standardmäßig praktiziert.“
Hierzulande bildet offenbar die Sicherung einer qualitativ hochwertigen Versorgung für alle weiterhin das Ziel. „Ist das der Fall, so ist ein politischer Konsens über die grundlegenden Prinzipien der Gesundheitsversorgung, des Umfangs dieser Versorgung und der Verteilung der Möglichkeiten unumgänglich“, so Dr. Peter Mateyka, Vizepräsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie.
GESUNDHEITSAUSGABEN GESAMTHEITLICH BETRACHTEN
Kritisch betrachten beim Symposium einige Experten die verbreitete Tendenz, die einzelnen Kostenfaktoren wie Spitalskosten, Leistungen der Ärzte und Heilmittelkosten isoliert zu betrachten. Doch diese Sichtweise greift häufig zu kurz. Denn mehr Ausgaben in einem Bereich des Gesundheitswesens führen oft zu erheblichen Ausgabensenkungen in einem anderen Bereich. Eine Einsicht, die sich durch zahlreiche Beispiele belegen lässt: „Wir kennen das aus vielen Bereichen wie Depression, Migräne, Magengeschwüre oder Zuckerkrankheit“, so Dr. Mateyka. „Mit innovativen Arzneimitteln können in diesen Breichen Operationen, Krankenhausaufenthalte und Krankenstände deutlich verringert und damit erhebliche Kosten eingespart werden.“ Doch eine solche Gesamtrechnung werde heute aufgrund der sektoralen Budgetierung und der unterschiedlichen Kostenträger nicht gemacht.
MEHR MARKT
Für die finanzielle und organisatorische Absicherung der Zukunft des Gesundheitswesens, sind die Experten beim Symposium einig, gebe es kein Patentrezept. Doch eine Annäherung, so einige der Fachleute, könne ein stärkeres Vertrauen in die Marktwirtschaft auch im Gesundheitswesen bieten. „Ich kann es überhaupt nicht nachvollziehen“, sagt Prof. Krämer, „warum Menschen, die mehrere 10.000 Euro für ein neues Auto oder tausende Euro für Urlaubsreisen ausgeben, nicht auch ein paar tausend Euro für neue Zähne ausgeben sollten. Auch Gesundheitsgüter wie Kuren oder sonstige Befindlichkeitsverbesserungen, die auch einen hohen Konsumanteil haben, könnte man getrost und ohne inhuman zu werden dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen.
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