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Experten fordern innovative Finanzierungsformen für Gesundheitssystem der Zukunft

Um im modernen Wohlfahrtsstaat eine gerechte und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung sicherzustellen, seien innovative Finanzierungsmodelle, mehr Mittel – aber auch Rationalisierungsmaßnahmen erforderlich. Darauf wies eine hochkarätige Expertenrunde heute bei den Alpbacher Reformgesprächen hin. Gefordert wurde auch eine verstärkte Mitsprache der Patienten im Gesundheitswesen.

Alpbach, 19. August 2003 – „Die Intensität der aktuellen Debatte um den Platz von Gesundheit und die Gesundheitsversorgung im europäischen Sozialmodell ist wohl diesem Einverständnis von sozialem, politischem und ökonomischem Druck zuzuschreiben, das uns zu einer genauen Betrachtung der eigentlichen Substanz des Wohlfahrtsstaates zwingt“, sagte bei den Alpbacher Reformgesprächen der Gesundheitswissenschafter Leonard Lerer von der Health Care Initiative an der renommierten ISEAD in Fontainebleau.
Lerer war ein Teilnehmer einer hochkarätigen Expertenrunde, die im Rahmen der Alpbacher Reformgespräche interessante Beiträge zur aktuellen gesundheitspolitischen Debatte lieferte. Auf Einladung des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI) diskutierten Gesundheitsforscher, Vertreter der Sozialversicherung, Patientenvertreter und Pharma-Experten über die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für das Gesundheitssystem im Wohlfahrtsstaat der Zukunft.

Innovative Wege gefragt
Die Tatsache, dass Europa in Sachen innovative Wege der Gesundheitsfinanzierung noch viel zu tun habe und der immer lauter werdende Ruf nach Effizienz, so Lerer, zwinge alle Beteiligten, die derzeit vorherrschenden Gesundheitsmodelle durchaus auch radikal in Frage zu stellen. Dabei könne man von Erfahrungen in vielen Ländern profitieren. „Vom oft als schäbig kritisierten britischen National Health System kann man durchaus lernen, wie Kosteneindämmung funktionieren kann. Der vielen Vorstellungen zufolge Medikamente verprassende französische Patient kann uns Einsichten in das Konsumentenverständnis von Gesundheit und Wohlbefinden liefern. Und das fragmentierte und kompetitive US-System bringt uns einiges über Risikomanagement und Technologie bei“, sagte Lerer.
In vielen europäischen Ländern werde die forschungsorientierte Pharmaindustrie für einen großen Teil der Malaise der wachsenden Gesundheitsausgaben verantwortlich gemacht. Zu unrecht, wie der INSEAD-Experte meinte: „Selbst die radikalsten Kürzungen bei den Medikamentenausgaben sind kein Allheilmittel für die Krise, in der die europäischen Gesundheitsfinanzierungssysteme stecken.“ Es gäbe einen dringenden Bedarf, in einem vernetzten Gesundheitssystem eine ehrliche Partnerschaft zwischen Financiers, Ärzten, Konsumenten und Industrie zu entwickeln. Lerer: „Die europäischen Gesundheitskonstellationen haben sich verschoben, vielleicht nur um ein paar Grad, aber genug, um die Kräfteverhältnisse zwischen allen Mitspielern radikal zu verändern.“

Unterfinanzierung und fehlende Dynamik
Eine „eklatante Unterfinanzierung“ eher als eine Kostenexplosion beobachtet der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, Franz Bittner, im österreichischen Gesundheitswesen. Die Ursachen dafür sieht der Sozialversicherungs-Experte einerseits in Maßnahmen der Bundesregierung, die der Krankenversicherung beträchtliche Summen entzogen hätten, und andererseits in der Erosion der Beitragseinnahmen aufgrund einer sinkenden Lohnquote. Ein Problem seien auch die überproportional steigenden Medikamentenausgaben, die von 1997 bis 2001 um 42 Prozent zugenommen hätten. „Ursache für diese Entwicklung ist einerseits das Mengenwachstum und andererseits die Tatsache von im EU-Vergleich überhöhten Spannen und Steuersätzen“, rechnete Bittner in Alpbach vor. Die Fabrikabgabepreise der Industrie lägen hingegen unter dem europäischen Durchschnitt.
Rationalisierungsschritte seien sicher notwendig, so der WGKK-Obmann, können aber nicht alle Probleme lösen. Bittner: „Das Gesundheitswesen braucht auch zusätzliche Mittel.“ Dabei solle aber das Finanzierungsrisiko von Krankheit nicht „unter dem irreführenden Titel der Eigenverantwortung“ privatisiert werden, warnte Bittner. Eine solidarische Finanzierung müsse vielmehr in gleichem Maß durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer erfolgen und auch in Zukunft einen Lastenausgleich zwischen Jungen und Alten, Gesunden und Kranken sowie Wohlhabenden und sozial Schwachen schaffen.

Gleichberechtigte Versorgung auf hohem Niveau
Für eine faire Versorgung aller trat beim Alpbacher Expertengespräch auch Monika Maier, Geschäftsführerin der Selbsthilfe Kärnten und Sprecherin der ArGe Selbsthilfe Österreich, ein. „Grundsätzlich erwarten Patienten in einem modernen Wohlfahrtsstaat Zugang zu einer optimalen Versorgung, unabhängig von ihrem sozialen Status und ihren finanziellen Möglichkeiten“, so Maier. Diese Ansprüche seien eine Herausforderung für das Gesundheitssystem, das mit beschränkten Ressourcen die gleichberechtigte gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau sicherstellen sollte. Allerdings, kritisierte die Selbsthilfe-Vertreterin,  müssten Patienten immer wieder die Erfahrung machen, dass gesundheitliche Versorgung bei weitem nicht für alle gleich ist. „Sie hängt unter anderem davon ab, zu welcher Berufsgruppe man gehört oder welchen Wohnsitz man hat“, kritisierte Maier uneinheitliche Leistungen der Krankenkassen.
Die enormen Fortschritte der Medizin führen dazu, dass immer mehr Krankheiten zwar behandelt, aber nicht geheilt werden könnten, sagte die Patientenvertreterin. Immer mehr Menschen würden über Jahre und Jahrzehnte mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung leben. Maier: „Dadurch treten Probleme im System des Wohlfahrtsstaates auf, weil niemand seine Grenzen kennt und sagen kann, was alles an Ressourcen bereitgestellt werden sollte.“
Durch ein bloßes Aufstocken der Mittel sei dieses Problem allerdings nicht zu lösen. „Ich hielte die Ausweitung von Selbstbehalten oder die Erhöhung von Kassenbeiträgen für eine Zumutung für die Gesellschaft, wenn sie nicht mit einer grundlegenden Veränderung der Strukturen des Gesundheitssystems einhergehen.“ Ein wichtiger Bestandteil jeder strukturellen Reform müsse es sein, partizipative Entscheidungsstrukturen zu schaffen, die eine aktive Teilnahme der Betroffenen ermögliche. Maier: „Eine effiziente Nutzung der Ressourcen ist die einzige Möglichkeit, auch in Zukunft eine Versorgung für alle sicherzustellen, das setzt aber eine Beteiligung der Patienten voraus.“

Zugang zu Innovation sichern
Nicht nur Finanzierungsprobleme zwingen dazu, die Strukturen in Europa grundsätzlich zu überdenken. Bei weitem nicht alle Patienten haben gesicherten Zugang zu notwendiger Behandlung. „Die Politik darf deshalb nicht in blinde Sparwut verfallen, nach dem Motto: Ohne Rücksicht auf Verluste“, warnt Hanns Kratzer, Direktor von MSD, im Namen von FOPI. „Das Gegenteil ist der Fall, und zwar sowohl auf europäischer wie auch auf österreichischer Ebene.“ Eine Reihe von Barrieren verhindern derzeit, dass der errungene therapeutische Fortschritt auch die Patienten erreicht: unter dem Druck der kurzfristigen Finanzierung wird die Verbreitung von innovativen Medikamenten hinausgeschoben oder sogar unmöglich gemacht.
Für pharmazeutische Forschung und Entwicklung werden faktisch keine öffentlichen Mittel mehr bereitgestellt: „Der Staat hat sich praktisch aus der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung verabschiedet. Ohne uns hätte es in den vergangenen Jahrzehnten keine innovativen Medikamente gegeben“, so Kratzer. Umso wichtiger sei es, dass der Staat die Rahmenbedingungen für private Forschungs- und Risikobereitschaft nicht weiter verschlechtere.
Die Lösung sieht Kratzer in einer verstärkten Orientierung der österreichischen Gesundheitspolitik an der europäischen Ebene: die Anpassung beispielsweise der Spitalsbettendichte an europäische Durchschnittswerte würde mehr Mittel einsparen, als derzeit insgesamt für Medikamente ausgegeben werden. „Auch innovative Arzneimittel sollen in Österreich rasch und zu EU-Durchschnittspreisen eingeführt werden können“, fordert Kratzer.


Für Rückfragen:
B&K Kommunikation
Dr. Birgit Kofler-Bettschart
Tel.: 01-319 43 78*0 bzw. in Alpbach: 0676-636 89 30
Mail: kofler@bkkommunikation.at

 

Statements

WAS IST EIN WOHLFAHRTSSTAAT
Statement Leonard Lerer

The intensity of the current debate around the place of health and health services in the European social model can be attributed to the collusion of social, political and economic pressures that force us to examine the very fabric of the welfare state. For all intents and purposes, most of the analysis on comparative health systems in Western Europe is similar to measuring the seconds that separate the leaders at the end of a marathon race. The fact that the winner may have beaten a rival by a few seconds after a long contest pales into insignificance when compared with the hours that may separate the winning group from the mediocre runners still struggling on the course when the medals are handed out. Similarly, across Europe the depth of social capital created by generations of social health insurance, in one form or another, is by far a winner when compared to the USA where literally tens of millions of citizens are under- or uninsured and the less developed world where health systems are under immense pressure or have completely collapsed.

The fact that Europe has to do a lot better in terms of innovative health care financing and the promotion of efficiency forces us to dispassionately examine our prevailing health system models. For example, because the European states have, at a macro-level at least, tremendous control over health financing, this does not automatically imply that much control exists of medical practice at an individual level. In the USA, where there is no control of aggregate health spending, government, states, employers and insurers have extensive control over practice protocols and guidelines. We need to avoid inappropriate comparisons of health systems and rather focus on importing the good lessons from every country. Yes, the shabby British NHS can teach us about cost-containment; the pill guzzling French patient can provide insights into consumers’ understanding of health and well-being and we can learn about technology and risk management from the fragmented and competitive US health system. The danger lies in importing the wrong lessons due to myopia induced by our slavish belief that all can be explained by the “health economic paradigm”.

We can extend our dispassionate analysis and consider why the research-based pharmaceutical industry is now conveniently blamed for much of the malaise of expanding health budgets. The pharmaceutical industry of today owes much of its success to the serendipitous conjunction of economics, intellectual property legislation, and science and health politics over the past generation. Today, even the most radical cuts in drug reimbursements will not be a panacea for the crisis that European health care financing faces. I will present some recent research on the urgent need for developing mature, honest partnerships between physicians, payers, consumers and the pharmaceutical industry in a world of networked health care.

The stars in the European health constellation have indeed shifted, perhaps just a few degrees, but more than enough to set the stage for radical changes in power-relations between all the stakeholders.

Dr. Leonard Lerer ist Gesundheitswissenschafter bei Healthcare Management Initiative (HMI) an der renommierten INSEAD in Fontainebleau.

HMI
INSEAD, Boulevard de Constance,
77305, Fontainebleau Cedex,
Tel.: +33 (0)1 60 72 41 89, Fax: +33 (0)1 60 74 55 66
Leonard.lerer@insead.edu

 

WAS IST EIN WOHLFAHRTSSTAAT
Statement Franz Bittner

Das Österreichische Gesundheitswesen, vor allem aber die soziale Krankenversicherung leidet an einer eklatanten Unterfinanzierung. Der Abgang der Krankenversicherung betrug 2002 200 Mio. Euro und wird bis zum Jahr 2006 – ohne Gegenmaßnahmen – auf über 1 Milliarde Euro anwachsen.
Die Ursachen dafür sind einerseits eine Reihe von Maßnahmen der scheidenden Bundesregierung, die der Krankenversicherung beträchtliche Summen entzogen haben und andererseits die Beitragseinnahmenerosion aufgrund der sinkenden Lohnquote sowie die überproportional steigenden Medikamentenaufwendungen.
Die Ausgaben der WGKK für Heilmittel sind in den Jahren 1997 bis 2001 um 42 Prozent gestiegen, während die Beitragseinnahmen im selben Zeitraum lediglich um 13,5 Prozent gewachsen sind. Die gesamten Behandlungskosten eines Patienten beim niedergelassenen Allgemeinmediziner bestehen nur mehr zu rund 30 Prozent aus Arzthonoraren und bereits zu rund 70 Prozent aus Kosten für verordnete Heilmittel.

Ursache für diese Entwicklung ist einerseits das Mengenwachstum und andererseits die Tatsache von im EU-Vergleich überhöhten Spannen und Steuersätzen. Die Fabriksabgabepreise der Industrie liegen dagegen etwas unter dem europäischen Durchschnitt.
Das gute Österreichische Gesundheitswesen braucht sowohl Rationalisierungen als auch zusätzliche Mittel. Dabei sollte das Finanzierungsrisiko von Krankheit nicht unter dem irreführenden Titel der "Eigenverantwortung" privatisiert werden. Eine solidarische Finanzierung sollte gleichermaßen durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer erfolgen und auch in Zukunft sicher zu stellen, dass es zu einem Lastenausgleich zwischen Jungen und Alten, Gesunden und Kranken sowie zwischen Wohlhabenden und sozial Schwachen kommt.
Ich plädiere für eine neue Dynamik in der Gesundheitspolitik und die Beendigung des nun schon drei Jahre dauernden Stillstandes in diesem für die Menschen unseres Landes so wichtigen Bereich.

Franz Bittner ist Vorsitzender der Gewerkschaft Druck und Papier und seit 1997 Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK).

WGKK
Wienerbergstraße 15-19, 1103 Wien
Tel.: 01/601 22-31 11
susanne.schuster@wgkk.sozvers.at

WAS IST EIN WOHLFAHRTSSTAAT
Statement Monika Maier

Mein Zugang zum Thema dieses Arbeitskreises „Was ist ein Wohlfahrtsstaat?“ ist nicht theoretisch oder wissenschaftlich fundiert, sondern praxisorientiert und ist geprägt von den Erfahrungen aus meiner beruflichen Tätigkeit in der Selbsthilfegruppen-Unterstützung. Ich wurde vom Veranstalter gebeten, in meinen Ausführungen auf drei Fragestellungen einzugehen:
 - Was erwarten Konsumenten/Patienten vom Wohlfahrtsstaat und seiner Gesundheitsversorgung? Diese Fragestellung muss ich einschränken, denn ich kann nur die Erwartungen der Patienten, die sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben, aufzeigen.
 - Trialog: Patient, Arzt, Entscheidungsträger und
 - Patientenorganisationen und Industrie.
Bevor ich explizit auf die vorgegebenen Themenbereiche eingehe, möchte ich ganz kurz darstellen, welchen hohen Stellenwert Selbsthilfegruppen im Rahmen des Sozial- und Gesundheitswesens haben, um den Hintergrund meiner Ausführungen aufzuzeigen.
In Selbsthilfegruppen bündelt sich ein enormes Maß an erlebter „Betroffenen-Kompetenz“, die sich mitunter von der erlernten „Experten-Kompetenz“ deutlich unterscheidet, diese aber aufgrund von anderen Perspektiven sehr gut ergänzen kann. Meines Erachtens ist die gemeinsame Verständigung über unterschiedliche Ansätze aber auch über gemeinsame Visionen sehr wichtig. Grundlage für die Selbsthilfearbeit ist dabei das aus Krankheit oder Behinderung gewonnene Erfahrungswissen der in der Selbsthilfe engagierten Menschen. Die Arbeit von Selbsthilfegruppen ist kein Ersatz für eine professionelle Versorgung, stellt aber eine sinnvolle Ergänzung dar und die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe trägt - wie zahlreiche Studien beweisen - zu mehr Lebensqualität der Betroffenen bei.

Was erwarten Konsumenten/Patienten vom Wohlfahrtsstaat und seiner Gesundheitsversorgung?
Grundsätzlich erwarten Patienten Zugang zu einer optimalen Versorgung,  unabhängig von ihrem sozialen Status und ihren finanziellen Möglichkeiten. Gerade diese Erwartungen sind eine Herausforderung für das Gesundheitssystem, das mit beschränkten Ressourcen die gleichberechtigte gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung auf hohem Qualitätsniveau sicherstellen muss bzw. sollte. Patienten müssen aber immer wieder die Erfahrung machen, dass die gesundheitliche Versorgung nicht für alle gleich ist, sondern z.B. davon abhängt, welcher Berufsgruppe man angehört oder welchen Wohnsitz man hat. Für Patienten ist es nicht nachvollziehbar, dass Leistungen trotz gleicher Beitragszahlung unterschiedlich sind. Bereits 1998 hat die Frauenselbsthilfe nach Brustkrebs eine Resolution eingebracht, wo unter anderem die gleiche Nachsorge nach Brustkrebsoperationen für alle Brustkrebspatientinnen Österreichs gefordert wurde. Auch in der Schnelligkeit, Art und Weise, wie Menschen medizinisch behandelt werden, gibt es deutliche Unterschiede. So kann z.B. durch eine Zusatzversicherung die Wartezeit auf eine Operation deutlich verkürzt werden.
Um die Finanzierung des Gesundheitssystems sicherstellen zu können, muss zum Einen die demographische Entwicklung und die technologischen Fortschritte in der Medizin berücksichtigt werden und zum Anderen notwendige Leistungen in Hinblick auf ihre Angemessenheit, ihre Kosteneffektivität und ihre effiziente Erbringung  hinterfragt werden. So sind z.B. Doppeluntersuchungen, die entweder aus Erwerbsinteresse oder aus mangelnder Koordination vorkommen, nicht im Interesse der Betroffenen, verursachen aber nicht unerhebliche Kosten.
Der enorme Fortschritt in der Medizin führt dazu, dass immer mehr Krankheiten zwar behandelt, oft aber nicht geheilt werden können. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen mit einer chronischen Erkrankung bzw. Behinderung über Jahre, oft Jahrzehnte leben müssen. Diese Tatsache führt dazu, dass Probleme im System des Wohlfahrtsstaates auftreten, weil niemand seine Grenzen kennt und sagen kann, was alles an Ressourcen bereitgestellt werden sollte.
Es bedarf einer eingehenden Diskussion und Bewusstseinsbildung bei Ärzten und Patienten, welchen Stellenwert die moderne Medizin für das menschliche Leben insgesamt hat und welche medizinischen Maßnahmen wirklich notwendig sind. Ohne eine klare Prioritätensetzung mit einem transparenten Leistungskatalog besteht die Gefahr, dass auch im Kernbereich der medizinischen Versorgung Ungleichbehandlungen zugelassen werden. Es darf auch nicht vergessen werden, dass Ausgaben für die Behandlung von Patienten immer auch Einnahmen für diejenigen sind, die behandeln. Meines Erachtens muss in der Diskussion um die medizinische Versorgung auch die über die medizin-fernen Einflüsse wie z.B. die Lebenssituation oder das soziale Umfeld der Patienten nachgedacht werden, die eine nicht unerhebliche Bedeutung für die Patientenversorgung entwickeln können.
Eine Ressourcenaufstockung durch mehr Selbstbehalte oder Beitragserhöhung ist eine Zumutung für die Gesellschaft und abzulehnen, wenn sie nicht mit einer grundlegenden Veränderung der Strukturen des Gesundheitssystems einhergeht. Die Gesellschaft muss zwar die finanziellen Belastungen tragen, kann aber das System nicht verändern. Das ist weder wirtschaftlich noch ethisch gerechtfertigt.
Der Gesetzgeber und die Sozialversicherungsträger sind gefordert, Lösungsansätze zu erarbeiten und in der Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Die Ergebnisse der Diskussion sind ernst zu nehmen und müssen ihren Niederschlag dann auch in der weiteren Vorgangsweise finden.

Das derzeitige Gesundheitssystem ist geprägt von fürsorgerischer Hilfe und „Versorgtwerden“ und das bedeutet eine eindeutige Absage an die Eigenverantwortung. Individuelle Kompetenzen zur Bewältigung gesundheitsrelevanter Probleme bleiben häufig ungenutzt, weil bestehende Organisations- und Entscheidungsstrukturen die Möglichkeit zur Eigeninitiative einschränken und ein allgemeines Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber gesundheitlichen Risiken erzeugen. Zur Umkehrung dieses Prozesses der gelernten Hilflosigkeit ist es notwendig, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine aktive Beteiligung der betroffenen Menschen an der Bewältigung gesundheitlicher Risiken ermöglichen. Das wird aber nur gelingen, wenn partizipative Entscheidungsstrukturen geschaffen werden und nicht die Defizite eines Patienten im Vordergrund stehen, sondern die Ressourcen. Partizipation der Bürger und im Besonderen der Patienten ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie, Ausdruck der Menschenwürde und des verfassungsrechtlich garantierten Rechts auf Selbstbestimmung und hat also nichts mit einer gönnerhaften Geste des guten Willens zu tun. Partizipative Entscheidungsstrukturen können sich nur dort entwickeln, wo der Wettbewerb um das Angebot und die Qualität der Versorgung transparent ausgetragen wird und wo informierte Patienten als Gewinn für die Behandlung und das zu erreichende Therapieziel gesehen werden, d.h. die  Mitwirkung und Mitbestimmung der Patienten hat eine steuernde Wirkung auf Anbieter und Angebot. Voraussetzung dafür ist aber die Akzeptanz als mitbeteiligte Instanz in der Sicherstellung der medizinischen Versorgung, sowohl im individuellen Bereich wie auch im Gesundheitssystem. Das bedeutet aber auch, dass Patienten Verantwortung für unnötige Leistungen, für überflüssige Therapien und diagnostische Maßnahmen übernehmen, da sie auf der Basis der angebotenen Informationen zugestimmt haben.
Das ist auch für Selbsthilfeorganisationen eine große Herausforderung, denn eine politische Fremdvertretung von Interessen verlangt von Patienten, dass sie von ihrem eigenen Schicksal abstrahieren und die berufliche Erfahrung zeigt, dass das für viele Vertreter von Selbsthilfegruppen oft sehr schwierig ist.
Eine effiziente Nutzung der Ressourcen ist die einzige Möglichkeit, auch in Zukunft eine Versorgung für alle sicherzustellen, das setzt aber eine Beteiligung der Patienten – in welcher Form auch immer – voraus.

Trialog: Patient, Arzt, Entscheidungsträger
Patientenautonomie und –selbstbestimmung als Handlungsgrundlage der Gesundheitsversorgung rütteln in nicht unbeträchtlichem Maße am Selbstverständnis der Akteure im Gesundheitswesen. Ärzte wie Sozialversicherungsträger sind davon überzeugt, die Interessen von Versicherten und Patienten engagiert zu vertreten und können auch durchaus darauf verweisen, dass sich das bestehende System der gemeinsamen Selbstverwaltung in der Vergangenheit weitgehend bewährt hat. Meine berufliche Erfahrung zeigt, dass die Zufriedenheit der Patienten mit dem Versorgungssystem aber ambivalent ist. Einige wollen gar nicht mehr Verantwortung für ihre Erkrankung übernehmen und fühlen sich mit dem alten „paternalistischen System“ ganz wohl. Es gibt aber auch Patienten, die dieses traditionelle Abhängigkeitsverhältnis und die damit quasi aufoktroyierte Fremdvertretung ihrer Interessen nicht akzeptieren.
Die „neue Generation“ der Patienten will sich aktiver in die Arzt-Patienten-Beziehung einbringen, stellt die Meinungen und Vorschläge der Experten häufiger in Frage, ist aber auch bereit, mehr Verantwortung für ihre Gesundheit aber auch Krankheit zu übernehmen. Gerade Patienten, die bereit sind, sich aktiv mit ihrer Erkrankung auseinander zu setzen und das Leben mit der chronischen Erkrankung zu bewältigen, engagieren sich in Selbsthilfegruppen.
Für Patienten ist die umfassende und leicht verständliche Information über ihre Krankheit und die geplante Therapie sehr wichtig. Die Informationen über die Folgen und Auswirkungen des Krankheitsgeschehens auf ihr weiteres Leben und die Lebensqualität haben dabei einen sehr hohen Stellenwert. Im Gegensatz zu Ärzten, sehen Patienten  ihre Krankheit immer in ihrem Lebenszusammenhang, d.h. um einen maximalen Behandlungserfolg zu erreichen, ist eine ganzheitliche Patientenbetreuung auch unter Einbeziehung der Angehörigen notwendig. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine rasche Veränderung der strukturellen Gegebenheiten, vor allem eine Veränderung der Arbeitsorganisation im Krankenhaus entsprechend den Erfordernissen erforderlich, z.B. durch die Einplanung von Information in den Arbeitsablauf und Schaffung räumlicher Möglichkeiten.

In der Arzt-Patienten-Kommunikation überwiegt immer noch die medizinische Expertenmacht als Monopol bis hin zur emotionalen Sprachlosigkeit. Der Patient wünscht sich hier mehr Einfühlungsvermögen, Zuwendung und Zeit des Behandlers und darüber hinaus die Einbindung des eigenen Erfahrungswissens. Nur aufgeklärte Patienten, die in der Lage sind, selbstverantwortlich mit ihrer Gesundheit und der Bewältigung ihrer Krankheit umzugehen, können aus ihrer abhängigen Rolle als Objekt ärztlicher Interventionen heraustreten und kompetent innerhalb der  Strukturen des Sozial- und Gesundheitswesens agieren.
Den Verantwortlichen im Sozial- und Gesundheitswesen ist bewusst, dass sich eine qualitativ hochwertige, wirtschaftliche und bedarfsgerechte Versorgung nur gemeinsam mit den betroffenen Patienten, Versicherten und Bürgern erreichen lässt. Ein wichtiges Ziel ist es daher, Patienten in die Lage zu versetzen, die Einrichtungen des Gesundheitswesens rational zu nutzen und damit auch zu einem effizienten Ressourcenverbrauch beizutragen.

Patientenorganisationen und Industrie
Einerseits führt die knappe finanzielle Förderung von Selbsthilfeorganisationen durch die öffentliche Hand dazu, dass diese eine Kooperation mit der Industrie – vor allem der Pharmaindustrie – anstreben und andererseits auch die Tatsache, dass immer mehr Firmen Wege suchen, Patienten nicht wie früher indirekt über die Ärzteschaft, sondern ganz direkt - oft über Selbsthilfegruppen - für ihre Produkte zu gewinnen. Das ist grundsätzlich auch nicht abzulehnen, setzt aber Transparenz bezüglich der Ziele und Rahmenbedingungen voraus, welche die Unabhängigkeit der Selbsthilfeorganisation sicherstellt. Problematisch wird es auch, wenn sich Selbsthilfeorganisationen sowohl bei ihren internen Beratungs- und Informationsangeboten wie auch beim Auftritt in der Öffentlichkeit primär den Interessen des Sponsors und nicht der Betroffenen verpflichtet fühlen.
Die strukturellen Unterschiede – hierarchische, hoch professionelle Organisationsformen stehen basisdemokratischen Verfahren, mit geringem Organisationsgrad gegenüber – führen leicht zu Verständigungsproblemen und erschweren die Kooperation.
Um eine Kooperation zwischen zwei so unterschiedlichen Partnern zu erleichtern und zu fördern, bedarf es Brücken, intermediären Einrichtungen, sowie professioneller Unterstützung. Als solche Mittlerinstanzen fungieren auf Landesebene die themenübergreifenden Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen und auf Bundesebene die ArGe Selbsthilfe Österreich, als Zusammenschluss dieser themenübergreifenden Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen. Durch die vernetzende Tätigkeit der Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen wird eine wichtige Voraussetzung für Kooperationsvorhaben zwischen den unterschiedlichen Teilsystemen der Sozial- und Gesundheitsversorgung geschaffen.
Eine wesentliche Voraussetzung für eine gelungene Kooperation setzt klare Absprachen voraus. Kooperieren bedeutet, in einen Dialog miteinander zu treten und die Rahmenbedingungen zu klären: die jeweiligen Ziele, gegenseitige Erwartungen und den Nutzen einer gemeinsamen Sache, die Zielgruppen, das Vorgehen, Rechte und Pflichten. Dieser Dialog ist manchmal nicht einfach.

Betrachtet man die jüngsten Entwicklungen des Sozialstaates, wird man schnell feststellen, dass die Grenzen zwischen Gewinn- und Gemeinwohlorientierung verschwimmen und die marktorientierten Steuerungsmechanismen mit ihren betriebswirtschaftlichen Elementen in soziale und gesundheitliche Bereiche Einzug halten. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden, von öffentlich geförderten Projekten einen Eigenmittelanteil meist zwischen zehn und zwanzig Prozent zu fordern, d.h. Selbsthilfeorganisationen müssen einen „Gewinn“ erwirtschaften. Durch die knapper werdenden öffentlichen Mittel verstärkt sich die Konkurrenz um öffentliche Förderung zwischen den Projekten. Der Weg zur Wettbewerbsorientierung ist eingeschlagen.
Ein ganz wesentlicher Aspekt in der Kooperation von Selbsthilfeorganisationen und Industrie, ist die Wahrung der Unabhängigkeit der Selbsthilfe. Meines Erachtens wird die Selbsthilfe den ihr von der Gesellschaft und Politik nunmehr eingeräumten Stellenwert nur erhalten und ausbauen können, wenn sie ihre Unabhängigkeit bewahrt und sicherstellt, dass sie immer zuerst die Interessen ihrer Mitglieder vertritt. Hier bedarf es klarer Regeln, die Transparenz herstellen und die Grenzen der Einflussnahme eindeutig aufzeigt.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass das immer wieder diskutierte Problem der Ressourcenknappheit im Sozial- und Gesundheitsbereich nicht alleine von der Politik oder Medizin gelöst werden kann. Die Beteiligung der Öffentlichkeit – im Besonderen der Betroffenen, die sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben – wird zunehmend an Wichtigkeit gewinnen.

Mag. Monika Maier ist Geschäftsführerin der Selbsthilfe Kärnten und Sprecherin der ArGe Selbsthilfe Österreich

ArGe Selbsthilfe
Kempfstraße 23/3, Postfach 408
9021 Klagenfurt
maier.selbsthilfe.kaernten@aon.at

 

 

 


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